Lichtenrade

Puppenklinik Renate – die etwas andere Krankenpflege


Zum Puppendoktor geht es nur im Notfall. Wenn Gliedmaßen abzufallen drohen, das Kuscheltier zerliebt ist, Wimpern nicht mehr klappern und die Füllung sich verkrümelt. Dabei ist ein Besuch bei Renate Herrmann in Berlin-Lichtenrade eigentlich immer einen Ausflug wert. Man sieht anhand endloser Vorräte an Armen, Beinen, Glasaugen und wunderschönen Kleidern, dass ihr ihre Arbeit am Herzen liegt. Und man hört es an der Begeisterung mit der sie darüber spricht und selbst Kinder in den Bann zieht und so für Altes begeistert.

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Seit wann reparieren Sie Puppen?

Seit fast 30 Jahren, 28 um genau zu sein. Ich hatte 27 Jahre lang einen eigenen Laden. Das wurde mir zu mühselig, die Ladenmiete wurde immer höher. Nach 25 Jahren hatte ich eigentlich genug, wissen Sie, ich bin 73 Jahre alt. Ich wollte eigentlich aufhören. Aber dann ergab sich die Möglichkeit, hier in meinem Haus etwas anzumieten. Immerhin habe ich ja auch noch so viele Ersatzteile übrig: Augen, Köpfe, Arme, Haare. Und jede Menge Kleider. Jetzt habe ich noch einen Tag pro Woche geöffnet, immer mittwochs. Da ist dann genug Andrang, so dass ich für den Rest der Woche genug zu tun habe.

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Reparieren Sie nur Puppen?

Nein, da kommt alles: Puppen, Teddybären, Kuscheltiere. Und längst nicht nur alte Sachen. Gerade war eine Mutter bei mir. Das dreijährige Kind hat seine zwei Schmusetücher, zwei Spielmäuse, so lange mit sich herumgetragen, dass sie schon ganz fadenscheinig geworden sind. Die Mäuse gibt es aber so nicht mehr beim Hersteller. Ich kann jetzt auch nicht aus beiden Teilen ein Stück machen: Er braucht eben beide! Jetztwar ich eine ganze Weile auf der Suche nach einem ganz bestimmten Frottee-Stoff. Und habe ich zum Glück Staubtücher gefunden, die aus einem ähnlichen Stoff hergestellt werden. So improvisiere ich eben. Und die Mutter ruft mich ständig an. Klar, das Kind möchte ja sein Mäuse wiederhaben. Die Kleinen hängen ja noch wahnsinnig doll an ihren Schmusetüchern und –tieren.

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Wie lange müssen die Kunden denn auf ihre Puppen und Kuscheltiere warten?

Das kann schon mal vier Wochen dauern. Es gibt nicht mehr viele Puppendoktoren in Berlin, ich habe immer viel zu tun. Wenn es dann auch
noch etwas Spezielles zu suchen ist, so wie eben der richtige Stoff, dann wird selbst das knapp. Und noch ungeduldiger als Mütter sind nur Männer, wenn es um ihre Teddybären geht. Das können im Durchschnitt pro Monat bis zu 20 Puppen sein. Weihnachten manchmal sogar noch mehr. Da kommen dann auch Erwachsene, die alte Erinnerungsstücke gerettet haben möchten.

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Welche Puppen kommen sonst noch zu ihnen?

Häufig tatsächlich alte Puppen, mit denen gespielt wurde, die gelebt haben. Puppen, an denen den Menschen etwas liegt. Zum Beispiel, weil sie die Eltern oder Großeltern auf der Flucht begleitet haben. Die Puppen haben meist nur einen ideellen Wert. Da schaue ich dann, was ich reparieren kann. Zum anderen kommen aber auch Händler mit echten Sammlerpuppen, die ich restauriere. Das dauert dann natürlich länger, kostet auch mehr.

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Was ist für Sie der Unterschied zwischen reparieren und restaurieren?

Ganz einfach: Reparieren ist ganz machen, restaurieren ist so ganz machen, dass man es nicht mehr sieht. Reparieren mache ich für Kinder, restaurieren für Sammler. Zum Glück gibt es auch heute noch Kinder, die an ihren Spielsachen hängen, die nichts neues haben wollen, sondern mit ihre alten Puppe spielen, mit ihrem alten, geliebten Kuscheltier spielen wollen. Kinder hängen an ihren Sachen mehr, als Erwachsene manchmal glauben.

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Wie bist du Puppendoktor geworden?

Ich habe selbst mal meine Puppensammlung zur Reparatur gebracht. Und die sind dann regelrecht zerstört worden. Da wurde das wertvolle Zelluloid einfach mit rosa Lack übermalt und überpinselt. Als ich dann fürchterlich enttäuscht war, dachte ich mir „das kann ich besser“ und habe selbst damit angefangen.

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Und wie?

Puppen zu reparieren und zu restaurieren kann man nirgendwo lernen. Das ist Learning by Doing, ich habe mich da rangepirscht. Zum Beispiel das Zelluloid, aus dem bei alten Puppen die Haut ist. Das muss man beobachten. Das kann man nicht einfach überpinseln. Das ist trocken, das kann springen, dann ist die ganze Puppe hinüber. Das muss man sich vorstellen, wie bei einem rohen Ei: Ist die Schale kaputt, ist das Ei kaputt. Das ist nicht zu ersetzen. Wenn ich dann sehe, dass da schon jemand dran herumgepfuscht hat, dann zieht es bei mir im Bauch. Früher war ich Schneiderin, habe für die Oper Kostüme genäht. Dann war ich in einer Zahnarztpraxis, habe dort zum Beispiel auch eine umfangreiche Ausstattung her. So habe ich gelernt, wie man mit Porzellanpuppen arbeitet. Wie man Porzellan modelliert, formt, brennt. Dazu kann ich für die Puppen dann auch Kleider nähen, da kommt mir alles zugute. Und zu reparieren ist so viel: Manchmal hängt nur ein Arm oder ein Bein, dann ist im Inneren eine Gummi gesprungen. Das ist schnell zu lösen. Es gibt aber auch schwere Fälle. Häufig ist nämlich mehr kaputt. Wenn der Kopf einer Porzellan-Puppe kaputt gegangen ist, dann ist der zerstört. Da muss man Splitter entfernen, spachteln, schleifen, kleben, lackieren, immer wieder.

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Woher bekommen Sie Ihre Ersatzteile?

Oh, das ist ganz verschieden. Früher war ich viel auf Trödelmärkten und so weiter unterwegs. Da habe ich viel gestöbert, viel unterwegs gekauft. Auf Auktionen, auf Flohmärkten. Manchmal lassen Kunden auch kaputte Puppen da, denen ich nicht mehr helfen kann. So sammelt sich das mit der Zeit an. Inzwischen habe ich auch genug Ersatzteile, neue brauche ich nicht mehr.

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Was macht für Sie die Faszination Puppe aus?

Die Menschendarstellung, umso mehr, wenn sich die Puppe bewegen kann. Das Feine, das Elegante, die Details. Ich freu mich immer, wenn
Kindergartengruppen kommen und ich ihnen die Faszination vermitteln kann. Wenn die hier rausgehen und gelernt haben, wie schön Puppen sein können. Die leuchtenden Augen, das Staunen. Bis jetzt habe ich alle Kinder „einfangen“ können. Das ist der Lohn für viel, viel Arbeit. Ich finde es auch immer schwierig, wenn Eltern anrufen und „eine schöne Puppe für ihr Kind“ empfohlen bekommen wollen. Denen sage ich immer „kommen Sie her, bringen Sie Ihr Kind mit“. Jedes Kind ist anders, jedes Kind findet andere Dinge toll. Ich verkaufe wenig Puppen, aber viel Zubehör. Antike Kleider, nachgenähte, neue. Da findet sich eigentlich immer etwas Passendes. Wenn die Kunden dann gehen und glücklich sind, freue ich mich auch.

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Puppenklinik Renate
Soldiner Straße 30
12305 Berlin – Lichtenrade

mail: info@puppenklinik-renate.de
tel: 030/745 85 03

Öffnungszeiten:
Mi 10-18 und nach telefonischer Vereinbarung

Puppenklinik Renate

 

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